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Strukturierte Interviews mit KI vorbereiten und auswerten (2026)

Kurz gesagt

KI hilft am meisten bei der Vorbereitung: Sie leitet aus dem Anforderungsprofil einen Interviewleitfaden mit verhaltensbasierten Fragen und Bewertungsskalen ab, und das in einer Stunde statt in einem Tag. Starte mit der Anforderungsanalyse und lass die Bewertung selbst bei den Interviewern. Sobald eine KI Kandidaten bewertet, ist das Hochrisiko-KI nach dem AI Act mit Pflichten ab 2. Dezember 2027, und eine Aufnahme des Gesprächs braucht schon heute die Einwilligung aller Beteiligten.

Inhalt 13 Abschnitte
  1. Vom Anforderungsprofil zur fairen Entscheidung
  2. Welche Werkzeuge du brauchst
  3. 1. Anforderungsanalyse
  4. 2. Interviewleitfaden
  5. 3. Verhaltensbasierte und situative Fragen
  6. 4. Bewertungsskalen mit Verhaltensankern
  7. 5. Interviewer-Briefing
  8. 6. Notizen und Zusammenfassung
  9. 7. Bias reduzieren und auswerten
  10. So führst du strukturierte Interviews ein
  11. Wo strukturierte Interviews wieder unstrukturiert werden
  12. Recht und Datenschutz
  13. Quellen

Wenn du ohne Leitfaden interviewst, entscheidet am Ende oft der Eindruck der ersten Minuten. Unstrukturierte Vorstellungsgespräche sind beliebt, sagen aber wenig aus, weil jeder Interviewer etwas anderes fragt. Im strukturierten Interview bekommen alle dieselben, aus den Anforderungen abgeleiteten Fragen, und bewertet wird auf festen Skalen. In einer viel zitierten Meta-Analyse von Sackett, Zhang, Berry und Lievens (Journal of Applied Psychology, 2022) hatten strukturierte Interviews mit einem Wert von 0,42 die höchste mittlere Validität unter den untersuchten Auswahlverfahren.

Der Haken war bisher der Aufwand: Einen guten Leitfaden mit Bewertungsankern zu schreiben, dauert Stunden. Aus wirtschaftspsychologischer Sicht halten wir das für den sinnvollsten KI-Einsatz im Recruiting überhaupt, weil die KI hier nur Vorarbeit leistet. Das Urteil bleibt bei dir.

Ich gehe sieben Schritte von der Anforderungsanalyse bis zur Auswertung durch, jeweils mit Prompt-Vorlage, und zeige, was rechtlich gilt, sobald KI näher an die Bewertung rückt. Stand der Angaben ist der 2. Oktober 2026. Mit der Vorlage im Abschnitt zum Interviewleitfaden steht dein kompletter Leitfaden in rund einer Stunde.

Vom Anforderungsprofil zur fairen Entscheidung

Use Case Nutzen Aufwand Tool-Typ
Anforderungsanalyse Klare, prüfbare Kriterien als Basis für alles mittel KI-Assistent
Interviewleitfaden Ablauf und Fragen in einer Stunde gering KI-Assistent
Verhaltensbasierte Fragen Fragen, die Beispiele statt Selbstbilder liefern gering KI-Assistent
Bewertungsskalen mit Ankern Vergleichbare Bewertungen über Interviewer hinweg mittel KI-Assistent
Interviewer-Briefing Einheitliches Vorgehen, weniger Fehler gering KI-Assistent
Notizen und Zusammenfassung Saubere Dokumentation ohne Mitschreib-Stress mittel Notetaker oder KI-Assistent
Bias reduzieren und auswerten Fairere Entscheidungen, nachvollziehbare Begründung mittel KI-Assistent plus Prozess

Welche Werkzeuge du brauchst

Für Leitfaden, Fragen und Skalen reicht ein KI-Assistent wie ChatGPT Business, Claude Team oder Microsoft 365 Copilot. Diese Schritte kommen ohne personenbezogene Daten aus. Für Notizen und Zusammenfassungen echter Gespräche brauchst du einen Business-Tarif mit Auftragsverarbeitungsvertrag oder eine europäische Plattform wie Langdock. Notetaker wie jamie oder Microsoft Teams Premium / Copilot vergleichen wir im Vergleich der KI-Meeting-Assistenten.

Bewerbermanagement-Systeme wie Greenhouse haben strukturierte Interviews mit Scorecards und KI-Notizen eingebaut. Für Stellen, bei denen der Lebenslauf wenig aussagt, ergänzen spielbasierte Eignungstests wie Aivy das Interview. Weitere Systeme stehen in unserem Vergleich der KI-Recruiting-Tools.

1. Anforderungsanalyse

Viele Interviews prüfen Eigenschaften wie „Teamfähigkeit“ oder „Belastbarkeit“, die niemand genau definiert hat. Ohne klare Anforderungen gibt es weder sinnvolle Fragen noch vergleichbare Bewertungen. Die Norm DIN 33430 zur berufsbezogenen Eignungsdiagnostik stellt deshalb die Anforderungsanalyse an den Anfang jedes Auswahlverfahrens.

Die KI führt dich durch eine einfache Version der Methode der kritischen Ereignisse: Welche Situationen entscheiden in dieser Stelle über Erfolg oder Misserfolg? Was tun gute Stelleninhaber dann, was tun schwache? Aus den Antworten leitet sie vier bis sechs Anforderungen mit beobachtbaren Verhaltensweisen ab. Hast du schon ein Anforderungsprofil aus der Stellenanzeige, baust du darauf auf (siehe Stellenanzeigen mit KI).

Anforderungsanalyse mit kritischen EreignissenChatGPT · Claude · Copilot

Du bist Eignungsdiagnostikerin. Hilf mir, die Anforderungen für die Stelle [Jobtitel] in [Bereich, Teamgröße] zu bestimmen.

Stell mir nacheinander diese Fragen und warte jeweils auf meine Antwort: Welche drei Situationen entscheiden in dieser Stelle am häufigsten über Erfolg oder Misserfolg? Was hat eine besonders gute Person in diesen Situationen konkret getan? Was hat eine schwache Person getan oder unterlassen? Was muss die Person ab dem ersten Tag können, was kann sie lernen?

Leite danach vier bis sechs Anforderungen ab. Zu jeder: eine Definition in einem Satz, drei beobachtbare Verhaltensweisen und die Situation aus meinen Antworten, aus der sie stammt. Streiche Anforderungen, die sich nicht auf beobachtbares Verhalten zurückführen lassen.

Was dabei herauskommt, hängt an deinen Antworten. Sprich mit der Führungskraft und mit mindestens einer Person, die die Stelle heute ausfüllt. Die KI darf keine Anforderungen ergänzen, die niemand genannt hat.

2. Interviewleitfaden

Ohne Leitfaden bekommt jeder Kandidat ein anderes Gespräch. Mit einem schlechten Leitfaden werden alle gleich schlecht befragt.

Aus den Anforderungen erstellt die KI einen Ablauf mit Zeitplan: Begrüßung und Vorstellung des Ablaufs, Fragen pro Anforderung, Raum für Fragen der Kandidaten, Abschluss mit nächsten Schritten. Jede Frage ist einer Anforderung zugeordnet. So siehst du sofort, ob eine Anforderung zu wenig oder gar nicht geprüft wird.

Interviewleitfaden aus AnforderungenChatGPT · Claude · Copilot

Erstelle einen Interviewleitfaden für ein strukturiertes Interview von [60] Minuten für die Stelle [Jobtitel].

Anforderungen: [Liste mit Definitionen aus der Anforderungsanalyse].

Gliederung mit Minutenangaben: Begrüßung und Erklärung des Ablaufs (inklusive Hinweis, dass alle Kandidaten dieselben Fragen bekommen und Notizen gemacht werden). Kurzer Einstieg zum Werdegang, höchstens zwei Fragen. Pro Anforderung zwei Hauptfragen mit je zwei Nachfragen. Zeit für Fragen der Kandidatin oder des Kandidaten. Abschluss mit nächsten Schritten und Zeitrahmen.

Ordne jede Frage einer Anforderung zu. Keine Fragen zu Familie, Kinderwunsch, Gesundheit, Religion, Herkunft, sexueller Identität oder bisherigem Gehalt. Keine Fangfragen und keine Fragen nach Stärken und Schwächen.

Leitfäden aus der KI wirken vollständig, wollen aber oft zu viel in zu wenig Zeit prüfen. Sechzig Minuten reichen erfahrungsgemäß für vier bis fünf Anforderungen. Kürze lieber Anforderungen als Nachfragen.

3. Verhaltensbasierte und situative Fragen

Fragen wie „Sind Sie teamfähig?“ liefern nur Selbstbilder. Brauchbar wird eine Antwort erst, wenn sie konkretes Verhalten beschreibt.

Die KI formuliert dir zwei Fragetypen. Verhaltensbasierte Fragen zielen auf vergangene Situationen („Erzähl von einer Situation, in der …“). Situative Fragen beschreiben einen realistischen Fall aus der Stelle („Stell dir vor, …“).

Dazu kommen Nachfragen nach dem STAR-Schema: Situation, Aufgabe, Handlung, Ergebnis. Die Nachfragen helfen, aus allgemeinen Antworten konkrete Beispiele herauszuholen.

Verhaltensbasierte und situative FragenChatGPT · Claude · Copilot

Anforderung: [Name und Definition, zum Beispiel „Priorisieren unter Zeitdruck: entscheidet bei konkurrierenden Aufgaben nachvollziehbar, was zuerst kommt“]. Stelle: [Jobtitel, typische Situationen aus dem Alltag].

Formuliere: Zwei verhaltensbasierte Fragen zu vergangenen Situationen. Zwei situative Fragen mit einem realistischen Fall aus dieser Stelle, jeweils in höchstens drei Sätzen. Zu jeder Frage drei Nachfragen nach dem STAR-Schema (Situation, Aufgabe, eigene Handlung, Ergebnis).

Die Fragen müssen auch für Menschen ohne Berufserfahrung in genau dieser Branche beantwortbar sein, zum Beispiel mit Beispielen aus Ausbildung, Ehrenamt oder anderen Jobs. Keine Suggestivfragen, keine Fragen mit offensichtlicher Wunschantwort.

Situative Fälle müssen zur echten Stelle passen. Lass die Fälle von der Führungskraft auf Realismus prüfen. Fragen, die nur mit Branchenwissen beantwortbar sind, benachteiligen Quereinsteiger.

4. Bewertungsskalen mit Verhaltensankern

„Gut“ bedeutet für jeden Interviewer etwas anderes. Ohne gemeinsame Skala sind Bewertungen nicht vergleichbar, und im Abstimmungsgespräch setzt sich die lauteste Stimme durch.

Die KI schreibt dir zu jeder Frage eine Skala mit verhaltensbezogenen Ankern, also Beispielantworten für schwach, mittel und stark. Solche Skalen heißen in der Fachliteratur verhaltensverankerte Einstufungsskalen (BARS). Interviewer ordnen eine Antwort dann einem Beispiel zu. Die Zahl aus dem Bauch fällt weg.

Bewertungsskala mit AnkerbeispielenChatGPT · Claude · Copilot

Frage: [Frage einfügen] Anforderung: [Name und Definition]

Erstelle eine Bewertungsskala von 1 bis 5 mit Verhaltensankern für die Stufen 1, 3 und 5. Zu jeder dieser Stufen: eine kurze Beschreibung und eine typische Beispielantwort in zwei bis drei Sätzen. Die Anker beschreiben nur, was die Person in ihrem Beispiel getan hat. Keine Bewertung von Auftreten, Sprechweise, Akzent, Aussehen oder Selbstbewusstsein. Ergänze eine Zeile „Nicht bewertbar“ für den Fall, dass die Antwort kein konkretes Beispiel enthält, und eine Nachfrage, mit der der Interviewer doch noch eines bekommt.

Die Ankerbeispiele bleiben Entwürfe. Lass sie von zwei Personen gegenlesen, die die Stelle kennen. Allgemeine Bewertungsgrundsätze können in Betrieben mit Betriebsrat zustimmungspflichtig sein (siehe Recht und Datenschutz).

5. Interviewer-Briefing

Der beste Leitfaden hilft nichts, wenn Interviewer ihn nicht kennen, Fragen umformulieren oder nebenbei Smalltalk über Familie und Herkunft halten.

Aus Leitfaden und Skalen schreibt die KI ein kompaktes Briefing: Rollenverteilung, Ablauf, Do’s and Don’ts, die wichtigsten Wahrnehmungsfehler und wie die Bewertung abläuft. Das Briefing passt auf eine Seite und lässt sich vor jedem Gespräch noch einmal lesen.

Briefing für das InterviewteamChatGPT · Claude · Copilot

Erstelle ein Briefing auf einer Seite für das Interviewteam zur Stelle [Jobtitel]. Grundlage sind dieser Leitfaden und diese Skalen: [einfügen].

Inhalt: Rollen: Wer stellt welche Fragen, wer schreibt mit. Ablauf und Zeitplan in Stichpunkten. Fünf Regeln: alle Hauptfragen wörtlich stellen, Nachfragen nur aus der Liste, Notizen zum Verhalten statt zum Eindruck, jede Bewertung allein vor dem Austausch abgeben, keine Fragen zu Familie, Gesundheit, Religion, Herkunft, sexueller Identität oder bisherigem Gehalt. Vier typische Wahrnehmungsfehler mit je einem Satz Erklärung: erster Eindruck, Halo-Effekt, Ähnlichkeitseffekt, Kontrasteffekt durch den vorherigen Kandidaten. Was tun, wenn die Kandidatin oder der Kandidat eine Aufnahme ablehnt: Gespräch ganz normal ohne Aufnahme führen und von Hand mitschreiben.

Ein Training ersetzt das Briefing aber nicht. Interviewt jemand zum ersten Mal strukturiert, gehört mindestens ein Probeinterview dazu. Schulungen im Umgang mit KI-Tools zahlen auch auf die KI-Kompetenz nach Art. 4 AI Act ein.

6. Notizen und Zusammenfassung

Beim Mitschreiben hörst du schlechter zu. Schreibst du nicht mit, bewertest du später aus der Erinnerung, und die ist ungenau.

Wir würden mit Handnotizen anfangen: Du schreibst Stichpunkte, und die KI ordnet sie nach dem Gespräch den Fragen und Anforderungen zu. Dafür brauchst du keine Aufnahme. Bequemer ist ein Notetaker, der das Gespräch transkribiert und pro Frage zusammenfasst. Er braucht aber die Einwilligung aller Beteiligten.

Ohne Einwilligung wird es strafbar. Das nichtöffentlich gesprochene Wort eines anderen unbefugt auf einen Tonträger aufzunehmen, verbietet § 201 StGB. Das gilt auch für Tools ohne sichtbaren Bot, die den Ton direkt am Rechner mitschneiden. Im Bewerbungsverfahren kommt die Machtfrage dazu: Bewerber gelten nach § 26 Abs. 8 BDSG als Beschäftigte, ihre Einwilligung muss freiwillig sein und nach § 26 Abs. 2 BDSG schriftlich oder elektronisch erfolgen. Frag vorab und schriftlich, und biete das Gespräch ohne Aufnahme als gleichwertige Option an.

Als botlose Notetaker kommen jamie (Hosting im EWR laut Anbieter) oder die Funktionen in Microsoft Teams Premium / Copilot infrage. In Greenhouse sind KI-Notizen Teil des Bewerbermanagements. Für Handnotizen reicht ein KI-Assistent mit Business-Tarif.

Handnotizen den Fragen zuordnenChatGPT · Claude · Copilot (Business-Tarif)

Hier sind meine Stichpunkte aus einem strukturierten Interview: [Notizen einfügen, ohne Namen, mit Kandidaten-Kürzel]. Hier ist der Leitfaden mit Fragen und Anforderungen: [einfügen].

Ordne jede Notiz der passenden Frage zu und fasse pro Frage zusammen, welches konkrete Verhalten die Person geschildert hat: Situation, eigene Handlung, Ergebnis. Wenn zu einer Frage kein konkretes Beispiel in den Notizen steht, schreib „kein Beispiel notiert“.

Vergib keine Bewertung und keine Punktzahl, schlag keine Entscheidung vor. Übernimm keine Angaben zu Gesundheit, Familie, Religion, Herkunft oder sexueller Identität, auch wenn sie in den Notizen stehen. Weise mich stattdessen darauf hin.

Bedenke: Zusammenfassungen glätten. Sie lassen Zögern, Widersprüche und Nebensätze weg, die für die Bewertung wichtig sein können. Lies deine eigenen Notizen, bevor du bewertest. Und: Ein Tool, das Sprechanteile misst oder Stimmungen erkennt, gehört nicht ins Bewerbungsgespräch (siehe Recht und Datenschutz).

7. Bias reduzieren und auswerten

Auch mit Leitfaden bewerten Menschen verzerrt. Ähnlichkeit („erinnert mich an mich selbst“), ein starker erster Eindruck oder der Vergleich mit dem vorherigen Kandidaten verschieben Urteile. Im gemeinsamen Gespräch danach übernimmt oft die ranghöchste Person die Richtung.

Die KI kann den Prozess stützen, ohne selbst zu bewerten. Sie prüft schriftliche Begründungen auf Formulierungen, die auf Eindruck statt auf Verhalten beruhen („wirkte nicht souverän“, „passt nicht ins Team“), und erstellt aus den unabhängig abgegebenen Bewertungen eine Übersicht mit den größten Abweichungen. Über diese Abweichungen sprecht ihr in der Abstimmungsrunde zuerst.

Begründungen auf Bias prüfenChatGPT · Claude · Copilot (Business-Tarif)

Hier sind die Bewertungen von [drei] Interviewern zu einer Kandidatin, jeweils mit Punktzahl und Begründung pro Frage, ohne Namen: [einfügen].

Aufgabe 1: Markiere jede Begründung, die sich auf Eindruck, Auftreten, Sympathie, „Passung ins Team“, Sprechweise, Akzent, Aussehen oder Alter stützt statt auf geschildertes Verhalten. Schlag vor, welche Nachfrage die Begründung verhaltensbezogen machen würde. Aufgabe 2: Erstelle eine Tabelle mit den Fragen, bei denen die Punktzahlen um zwei oder mehr Punkte auseinanderliegen. Aufgabe 3: Schlag eine Reihenfolge für die Abstimmungsrunde vor: zuerst die größten Abweichungen.

Triff selbst keine Bewertung, berechne keinen Gesamtscore und gib keine Empfehlung zur Einstellung.

Die KI erkennt nicht jede Verzerrung und hat selbst welche. Einen fairen Prozess unterstützt sie, ersetzen kann sie ihn nicht. Die Regel, dass jeder Interviewer seine Bewertung allein abgibt, bevor ihr sprecht, wirkt stärker als jedes Tool.

So führst du strukturierte Interviews ein

  1. Mit einer Stelle starten: Nimm eine Stelle, die ihr regelmäßig besetzt, und baue dafür Anforderungen, Leitfaden und Skalen mit den Vorlagen 1 bis 4.
  2. Fachbereich einbinden: Führungskraft und ein erfahrener Stelleninhaber prüfen Anforderungen, Fälle und Ankerbeispiele.
  3. Betriebsrat früh informieren: Wenn es einen gibt, sprich ihn vor dem ersten Einsatz an. Leitfaden, Bewertungsskalen und Notetaker können mitbestimmungspflichtig sein.
  4. Aufnahme-Regel festlegen: Entscheide, ob ihr überhaupt aufnehmt. Wenn ja: schriftliche Einwilligung vorab, gleichwertige Option ohne Aufnahme, Löschfrist für Aufnahmen und Transkripte.
  5. Interviewer briefen: Briefing aus Vorlage 5 und ein Probeinterview pro Person.
  6. Unabhängig bewerten: Jede Person füllt ihre Skalen allein aus, bevor ihr sprecht. Erst dann folgt die Abstimmungsrunde mit Vorlage 7.
  7. Nachhalten: Prüf nach sechs bis zwölf Monaten, ob die Bewertungen im Interview zur tatsächlichen Leistung passen, und überarbeite Fragen, die nichts vorhersagen.

Wo strukturierte Interviews wieder unstrukturiert werden

Der folgenreichste Fehler ist eine KI, die mitbewertet. Ein Prompt wie „Bewerte dieses Transkript von 1 bis 10“ macht aus einem Assistenten ein Bewertungssystem, mit allen rechtlichen Folgen.

Achte auch auf Fragen ohne Anforderung. Die KI liefert gern Lieblingsfragen wie „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“. Lässt sich eine Frage keiner Anforderung zuordnen, fliegt sie raus.

„Wir nehmen das Gespräch auf, okay?“ zu Beginn des Calls ist keine freiwillige Einwilligung. Und wer nur die KI-Zusammenfassung liest, bewertet die Glättung statt der Antwort.

Unzulässige Fragen nach Kindern oder Herkunft stehen übrigens selten im Leitfaden. Sie fallen beim Kaffee danach.

Recht und Datenschutz

Seit 2. Februar 2025 sind KI-Systeme verboten, die am Arbeitsplatz Emotionen ableiten, außer aus medizinischen oder Sicherheitsgründen (Art. 5 Abs. 1 lit. f AI Act). Ob das Verbot schon im Bewerbungsgespräch greift, wird unterschiedlich gesehen. Video-Interview-Tools mit Mimik- oder Stimmanalyse solltest du deshalb meiden.

Fragen nach Merkmalen aus § 1 AGG ohne Bezug zur Tätigkeit sind unzulässig, etwa nach Schwangerschaft, Religion oder Herkunft. Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie (EU) 2023/970 sieht außerdem vor, dass Arbeitgeber nicht mehr nach dem bisherigen Gehalt fragen. Deutschland hat sie Stand Oktober 2026 noch nicht umgesetzt.

KI, die Kandidaten bewertet, ist Hochrisiko-KI nach Anhang III Nr. 4 AI Act. Die Pflichten für Arbeitgeber als Betreiber gelten nach dem Digital-Omnibus (Verordnung (EU) 2026/1744) ab 2. Dezember 2027: unter anderem menschliche Aufsicht durch kompetente Personen, Aufbewahrung der Protokolle und Information der Betroffenen (Art. 26).

Die Vorlagen in diesem Ratgeber verzichten deshalb bewusst auf Punktzahlen und Empfehlungen.

Nach der DSGVO darf eine Absage nicht ausschließlich automatisiert erfolgen (Art. 22 DSGVO). Nach dem SCHUFA-Urteil des EuGH (7. Dezember 2023, C-634/21) kann schon ein Score genügen, wenn er für die Entscheidung maßgeblich ist.

Für Transkripte und Zusammenfassungen brauchst du einen Auftragsverarbeitungsvertrag (Art. 28 DSGVO) und eine Löschfrist. Gesundheitsdaten und andere besondere Kategorien (Art. 9 DSGVO) gehören nicht in die Auswertung.

Für Aufnahmen gilt: Ohne Einwilligung aller Beteiligten sind sie nach § 201 StGB strafbar. Die Einwilligung von Bewerbern muss freiwillig sein und schriftlich oder elektronisch vorliegen (§ 26 Abs. 2 BDSG).

Auch der Betriebsrat redet mit. Legen Leitfaden und Skalen fest, nach welchen Kriterien ausgewählt wird, können sie Auswahlrichtlinien nach § 95 BetrVG sein. Nach § 95 Abs. 2a gilt die Mitbestimmung ausdrücklich auch, wenn KI beim Aufstellen der Richtlinien zum Einsatz kommt. Standardisierte Fragebögen und allgemeine Beurteilungsgrundsätze brauchen nach § 94 BetrVG die Zustimmung des Betriebsrats. Notetaker, die Daten der Interviewer erfassen, fallen in der Regel unter § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG.

Wie du überhaupt an die richtigen Kandidaten kommst, zeigt der Ratgeber Active Sourcing mit KI. Welche Notetaker Daten in der EU halten und ohne Bot im Call auskommen, steht im Vergleich der KI-Meeting-Assistenten. Wie Kandidaten den ganzen Prozess erleben und wo KI dabei hilft, zeigt der Ratgeber Candidate Experience mit KI. Mit Leitfaden, Skalen und unabhängiger Bewertung wird der Eindruck der ersten Minuten zu einer Notiz unter vielen.

Quellen

Zum Mitnehmen

  • Strukturierte Interviews hatten in der Meta-Analyse von Sackett und Kollegen die höchste mittlere Validität aller untersuchten Auswahlverfahren.
  • Lass KI Leitfaden, Fragen und Skalen schreiben, Punktzahlen und Einstellungsempfehlungen bleiben bei den Interviewern.
  • Ein Bewerbungsgespräch ohne Einwilligung aller Beteiligten aufzunehmen ist nach § 201 StGB strafbar.

Häufige Fragen

Was ist ein strukturiertes Interview?

Ein Vorstellungsgespräch, in dem alle Kandidaten für eine Stelle dieselben, aus den Anforderungen abgeleiteten Fragen bekommen und die Antworten anhand fester Skalen bewertet werden. Das macht Gespräche vergleichbar und weniger anfällig für Bauchgefühl. In einer Meta-Analyse von Sackett und Kollegen (2022) hatten strukturierte Interviews die höchste mittlere Vorhersagekraft für spätere Leistung unter den untersuchten Auswahlverfahren.

Wie bereite ich ein strukturiertes Interview vor?

In vier Schritten: Anforderungen der Stelle festlegen, pro Anforderung zwei bis drei verhaltensbasierte oder situative Fragen formulieren, für jede Frage eine Bewertungsskala mit Beispielantworten schreiben und die Interviewer einweisen. KI-Assistenten beschleunigen jeden dieser Schritte, die Fachbereiche müssen die Ergebnisse aber prüfen.

Welche Fragen stellt man in einem strukturierten Interview?

Vor allem verhaltensbasierte Fragen („Erzähl von einer Situation, in der du …“) und situative Fragen („Was würdest du tun, wenn …“). Beide zielen auf eine konkrete Anforderung der Stelle. Dazu kommen wenige Fragen zum Lebenslauf und zu Rahmenbedingungen wie Starttermin.

Was ist ein Interviewleitfaden?

Ein Dokument, das Ablauf, Fragen, Nachfragen und Bewertungsskalen für ein Gespräch festlegt. Im Recruiting sorgt er dafür, dass alle Kandidaten dieselbe Chance bekommen und dass Interviewer unabhängig voneinander bewerten können.

Darf ich ein Bewerbungsgespräch aufzeichnen?

Nur mit Einwilligung aller Beteiligten. Wer das nichtöffentlich gesprochene Wort ohne Befugnis aufnimmt, macht sich nach § 201 StGB strafbar. Bewerber müssen die Aufnahme ohne Nachteile ablehnen können, und die Einwilligung muss nach § 26 Abs. 2 BDSG schriftlich oder elektronisch erfolgen. Notizen von Hand sind die Alternative.

Darf KI im Bewerbungsgespräch eingesetzt werden?

Für Vorbereitung, Leitfaden und Zusammenfassung von Notizen ja, mit den üblichen Datenschutzregeln. Eine KI, die Kandidaten bewertet, ist Hochrisiko-KI nach Anhang III Nr. 4 AI Act, mit Pflichten ab 2. Dezember 2027. KI, die Emotionen aus Mimik oder Stimme ableitet, ist am Arbeitsplatz seit Februar 2025 verboten, und Video-Interview-Tools mit solchen Funktionen solltest du meiden.

Darf eine KI über Bewerber entscheiden?

Nein. Nach Art. 22 DSGVO darf niemand einer ausschließlich automatisierten Entscheidung mit erheblicher Wirkung unterworfen werden, und eine Absage gehört dazu. Nach dem SCHUFA-Urteil des EuGH (C-634/21) kann schon ein KI-Score darunter fallen, wenn Menschen ihm faktisch folgen.

Muss der Betriebsrat einem Interviewleitfaden zustimmen?

Oft ja. Legt der Leitfaden fest, nach welchen Kriterien Bewerber ausgewählt werden, kann er eine Auswahlrichtlinie nach § 95 BetrVG sein. Das gilt nach § 95 Abs. 2a ausdrücklich auch, wenn KI beim Aufstellen hilft. Standardisierte Fragebögen können außerdem unter § 94 BetrVG fallen.

Welche Fragen sind im Vorstellungsgespräch verboten?

Unzulässig sind Fragen ohne Bezug zur Tätigkeit, die auf Merkmale aus § 1 AGG zielen, etwa nach Schwangerschaft, Familienplanung, Religion, sexueller Identität oder Herkunft. Lässt du KI Fragen generieren, prüf die Liste darauf. Nach der EU-Entgelttransparenzrichtlinie soll künftig auch die Frage nach dem bisherigen Gehalt entfallen.